Wie viele Stunden habt ihr in dieser Woche gearbeitet? Die meisten nennen eine Zahl, in der nur der bezahlte Teil steckt. Der andere Teil hat keinen Stundenzettel, keinen Feierabend und in vielen Haushalten nicht einmal einen Namen.
Genau dafür gibt es das Wort. „Care-Arbeit“ macht Hausarbeit nicht vornehmer. Es gibt einer Kategorie einen Namen, die vorher keinen hatte, und worüber es kein Wort gibt, darüber lässt sich zu Hause auch schlecht verhandeln.
Was zur Care-Arbeit zählt
Die Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes fasst unter unbezahlter Arbeit fünf Bereiche zusammen, die im Alltag selten in einem Atemzug genannt werden:
- Haushaltsführung — kochen, putzen, Wäsche waschen, einkaufen, den Haushalt organisieren.
- Kinderbetreuung — versorgen, begleiten, beaufsichtigen, mit den Kindern lernen und spielen.
- Pflege von Angehörigen — die Sorge für pflegebedürftige Menschen.
- Hilfe für Menschen außerhalb des eigenen Haushalts — die Nachbarin zum Arzt fahren, für die Eltern Behördenpapiere erledigen.
- Ehrenamtliches Engagement — Verein, Elternbeirat, Freiwilligendienst.
Der deutsche Begriff dafür ist Sorgearbeit; im Sprachgebrauch hat sich das englische „Care“ durchgesetzt. Gemeint ist beide Male dasselbe: Arbeit, die geleistet wird, damit es Menschen gut geht, und für die niemand bezahlt.
Care-Arbeit, Hausarbeit, Mental Load
Die drei Begriffe werden oft synonym benutzt und meinen drei verschiedene Dinge. Hausarbeit ist der sichtbare Teil rund um den Haushalt selbst. Care-Arbeit ist der Oberbegriff und schließt die Sorge für Menschen mit ein: ein Kind zu trösten ist Care-Arbeit, aber keine Hausarbeit. Und Mental Load ist überhaupt keine eigene Tätigkeit, sondern die Denkschicht über beidem — daran denken, dass die Turnschuhe zu klein werden, bevor es jemand ausspricht.
Der Unterschied ist nicht akademisch. Er entscheidet darüber, was zu Hause überhaupt verteilt wird: Wer nur Hausarbeit verteilt, verteilt den Teil, den man sehen kann, und wundert sich, warum sich danach so wenig ändert.
Wie viel Zeit sie kostet
Zuletzt hat das Statistische Bundesamt diese Arbeit für das Jahr 2022 erhoben. Frauen ab 18 Jahren kamen auf knapp 29,5 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche, Männer auf knapp 20,5 Stunden. Das sind rund neun Stunden Unterschied in der Woche oder eine Stunde und 16 Minuten am Tag. Als Kennzahl heißt dieser Abstand Gender Care Gap; für 2022 lag er bei 43,4 Prozent, zehn Jahre davor bei 52,4 Prozent.
Diese Zahl beschreibt einen Durchschnitt über ein ganzes Land, nicht euren Küchentisch. Sie sagt auch nicht, dass sich jemand drückt. Sie sagt, dass diese Arbeit anfällt und sich in den meisten Haushalten ungleich verteilt — meistens, ohne dass sich jemand je dafür entschieden hätte.
Denn entschieden wird selten. Zuständigkeiten wachsen einfach. Wer beim ersten Kind zu Hause geblieben ist, kennt die Impftermine. Wer sie kennt, wird gefragt. Wer gefragt wird, bleibt zuständig. Nach zwei Jahren sieht das aus wie Begabung und ist nur eine ausgetretene Spur.
Was die Statistik nicht erfasst
Ein Zeittagebuch hält fest, was jemand tut. Was jemand denkt, kann es nicht festhalten.
Die Soziologin Allison Daminger hat 2019 in ihrer Studie The Cognitive Dimension of Household Labor vier Denkschritte beschrieben, die jeder Aufgabe vorausgehen oder sie begleiten: etwas kommen sehen, Möglichkeiten abwägen, sich entscheiden und im Blick behalten, ob es geklappt hat. Keiner dieser Schritte hat einen Anfang und ein Ende, das sich in ein Tagebuch eintragen ließe.
Deshalb hat jede Aufgabe im Haushalt drei Phasen: bemerken, entscheiden, ausführen. In der Zeitstatistik landet zuverlässig nur die dritte. Die Stunden dort sind echt, sie sind nur nicht alles — und aus demselben Grund wiegen zwei Aufgaben mit derselben Dauer selten gleich schwer. Zwanzig Minuten Geschirr sind nach zwanzig Minuten vorbei. Zwanzig Minuten Telefonieren für einen Facharzttermin beschäftigen den Kopf so lange weiter, bis der Termin tatsächlich steht.
Das ist auch der Teil, den der andere nicht sieht, und dahinter steckt selten Bequemlichkeit. Wer eine Aufgabe nie selbst bemerkt hat, hat kein Signal dafür aufgebaut: Der leere Vorratsschrank ist für den einen ein Alarm und für den anderen ein Schrank. Diese unsichtbare Arbeit ist der Grund, warum sich eine Verteilung schief anfühlen kann, obwohl beide viel tun.
Was sich ändert, wenn die Arbeit einen Namen hat
An der Menge zunächst nichts. Es wird keine Stunde weniger gekocht und kein Termin weniger gemerkt. Was sich ändert, ist, dass sich darüber reden lässt, ohne dass es nach Anklage klingt.
Solange die Arbeit namenlos ist, gibt es für sie nur persönliche Sätze: „Ich mache hier alles.“ Solche Sätze bekommt der andere nie als Information zu hören, sondern als Urteil, und dann verteidigt er sich, statt zuzuhören. Mit einem Namen wird aus der Anklage eine Frage: Welche Bereiche fallen bei uns an, und wem gehört welcher?
Der nächste Schritt ist dann, ganze Bereiche zu übergeben statt einzelner Handgriffe. Nicht „kannst du heute die Wäsche machen“, sondern „die Wäsche gehört dir, du entscheidest wann“. Das klingt nach einer Kleinigkeit und ist der ganze Unterschied, denn nur so wandert das Bemerken mit.
Dass sich etwas verschoben hat, merkt ihr nicht am Wochenplan, sondern am Sonntagabend. Wer vorher im Kopf die ganze kommende Woche sortiert hat, sortiert irgendwann nur noch den eigenen Teil davon. Das ist der Moment, in dem Care-Arbeit aufhört, die Sache einer einzigen Person zu sein.
Wer wissen will, wie sich die Care-Arbeit im eigenen Haushalt tatsächlich verteilt, muss sie zuerst vollständig aufschreiben: mit dem Bemerken und dem Entscheiden, nicht nur mit dem Ausführen. Genau dafür ist Family Fair Play gemacht.