Belohnung statt Bestechung: Kinder richtig motivieren

Eine Belohnung ist keine Bestechung, wenn sie im Voraus vereinbart ist, an guten wie an schlechten Tagen gilt und nicht als Tausch gegen Ruhe entsteht, sobald das Kind sich weigert. Bestechung entsteht unter Stress, eine Belohnung ist eine Regel, die beide vorher kennen.

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Eine Küche neben dem Kühlschrank mit einer selbst gemalten Sternetabelle: Ein Elternteil hockt auf Augenhöhe der Kinder und hält drei leere Karten wie eine kleine Speisekarte, das jüngere Kind zeigt auf eine, das ältere steht daneben und hält ein gefaltetes Geschirrtuch

Wann haben Sie sich zuletzt sagen hören: „Wenn du die Spülmaschine ausräumst, bekommst du eine halbe Stunde Tablet"? Und gleich danach der leise Zweifel: Habe ich gerade Ruhe gekauft, für einen Preis, den ich nächste Woche doppelt zahle? Der Zweifel ist berechtigt. Ein Grund, auf Belohnungen zu verzichten, ist er nicht. Es reicht zu wissen, wo eine Belohnung aufhört, eine Belohnung zu sein.

Warum Belohnungen zu schaden scheinen

Der Zweifel hat seinen Ursprung in der Forschung. In einem Experiment von 1973 (Lepper, Greene und Nisbett) wurden Vorschulkinder, die gern malten, in Gruppen eingeteilt. Einer Gruppe wurde für das Malen ein Preis versprochen, der anderen nicht. Einige Wochen später malten die Kinder, die den Preis erwartet hatten, von sich aus weniger. Eine Metaanalyse von mehr als hundert weiteren Experimenten (Deci, Koestner und Ryan, 1999) bestätigte: Eine erwartete, greifbare Belohnung kann das Interesse an einer Tätigkeit schwächen, die Kindern vorher von selbst Freude machte.

Entscheidend ist der Grund. Diese Kinder malten gern, also überdeckte der Preis ihre eigene Freude. Beim Ausräumen der Spülmaschine gibt es meist keine solche Freude, die verloren gehen könnte. Das eigentliche Risiko ist ein anderes: Das Kind lernt, dass nur getan wird, wofür es einen Preis gibt, und beantwortet die Frage „Muss das gemacht werden?" mit „Was bekomme ich dafür?".

Was eine Belohnung von Bestechung unterscheidet

Von außen sehen beide gleich aus: Das Kind bekommt etwas dafür, dass es etwas tut. Der Unterschied liegt im Moment, in dem sie entstehen. Bestechung entsteht unter Stress, wenn das Kind sich weigert, Sie müde sind und es einfach aufhören soll. Sie schwankt mit der Laune, wächst mit dem Widerstand, und das Kind lernt daraus, dass Nein-Sagen den Preis erhöht. Eine Belohnung ist eine Regel, die Sie beide vorher kennen. Sie gilt an guten wie an schlechten Tagen und hängt nicht davon ab, wie laut das Kind protestiert.

Wenn Sie unsicher sind, was gerade entsteht, fragen Sie sich: War das vereinbart, bevor das Kind Nein gesagt hat? Wenn ja, ist es eine Belohnung. Wenn Sie die Bedingungen erst im Widerstand erfinden, ist es Bestechung.

Grundpflichten und Extras

Bevor es um Belohnungen geht, lohnt sich eine Entscheidung darüber, worüber Sie überhaupt sprechen. In jedem Haushalt gibt es zwei Arten von Aufgaben. Die Grundpflichten: Dinge, die jeder macht, der hier wohnt, weil er zum Team gehört. Dafür gibt es nichts, so wie Erwachsene auch nichts fürs Abspülen bekommen. Und die Extras: Arbeit über den normalen Anteil hinaus, etwa das Auto waschen, den Keller aufräumen oder der Oma im Garten helfen. Dort ergibt eine Belohnung Sinn.

Diese Trennung löst zwei Probleme auf einmal. Das Kind hat nicht das Gefühl, dass zu Hause alles ein Geschäft ist, und Sie müssen nicht jeden Montag verhandeln, ob der Müll rausgeht. Wo genau die Grenze verläuft, entscheidet Ihre Familie. Wichtig ist nur, dass Sie beide sie festlegen, im Voraus und für alle Kinder gleich.

Vier Regeln, die Belohnungen gesund halten

Vereinbaren Sie sie im Voraus. Das Kind muss wissen, was es tut und was danach kommt, bevor es anfängt. Eine Belohnung als Überraschung wirkt wie Lob. Eine Belohnung, die Sie mitten im Streit aufzählen, ist Bestechung.

Geben Sie sie erst nach der Erledigung. Wer im Voraus zahlt, bezahlt ein Versprechen. Erledigt heißt nicht perfekt, sondern ein vereinbarter Standard, den das Kind selbst überprüfen kann.

Benutzen Sie Belohnungen nicht umgekehrt als Waffe. Sterne für Verhalten wegzunehmen, das mit der Aufgabe nichts zu tun hat, verwischt die Regel. Das Kind weiß dann nicht mehr, ob Sterne für Arbeit oder für Verhalten stehen, und verliert das Vertrauen ins ganze System.

Lassen Sie das Kind aus einer Auswahl wählen. Eine Belohnung, die das Kind nicht will, motiviert nicht, und eine, die Sie ohne das Kind festlegen, nimmt ihm das Gefühl, mitzureden. Nach der Selbstbestimmungstheorie (Deci und Ryan) ist genau dieses Gefühl der eigenen Wahl das, was Motivation am Leben hält. Drei Möglichkeiten reichen.

Eine Belohnung muss dabei nichts Gekauftes sein. Kinder schätzen oft Zeit und Entscheidungen mehr als Geld: den Film am Abend aussuchen, eine halbe Stunde Spielen mit einem Elternteil ohne Handy, das Sonntagsessen bestimmen.

Ausführlicher behandelt das Thema das Kapitel „Kinder sind keine Gäste, sie sind Mitspieler“ im Buch Der faire Haushalt vom Team hinter Family Fair Play, mit Aufgaben nach Alter und Belohnungen ohne Bestechung.

So funktioniert es in Family Fair Play

Family Fair Play geht davon aus, dass die Eltern über Belohnungen entscheiden. Ein Kind sammelt für erledigte Aufgaben Sterne, die aber erst gutgeschrieben werden, wenn ein Elternteil die Aufgabe bestätigt. Die Entscheidung, was „fertig" heißt, bleibt also bei Ihnen. Wenn Sie einem Kind eine Aufgabe zuweisen, weist die App außerdem darauf hin, dass die Bestätigung ausgeschaltet ist, und bietet an, sie einzuschalten.

Einen Belohnungskatalog müssen Sie nicht bei null erfinden. Die App schlägt fünf fertige Belohnungen mit Sternpreis vor: eine halbe Stunde Spielen für 10, das Abendessen aussuchen für 15, einen Filmabend für 20, später ins Bett für 25 und einen Ausflug für 40. Jede lässt sich umbenennen, neu bepreisen oder löschen. Kinder sehen in der App nur ihre Sterne, nicht die Belastungswerte, die ein Werkzeug für Erwachsene sind.

Was sich dadurch ändert

Belohnungen allein bringen niemandem Verantwortung bei, Verbote übrigens auch nicht. Sie geben Ihnen aber einen klaren Rahmen, in dem ein Kind lernen kann: Ich weiß, was erwartet wird, ich weiß, was danach kommt, und ich weiß, dass die Regel auch am Dienstagabend gilt. So wird aus Verhandeln eine Vereinbarung.

Und gerade weil die Grundpflichten ohne Belohnung bleiben, merkt ein Kind mit der Zeit, dass manche Dinge zu Hause einfach getan werden, weil sie getan werden müssen. Die Belohnung ist nur eine Ergänzung. Die eigentliche Arbeit leistet das Vorbild, das das Kind jeden Tag sieht.