Eltern-Burnout: Erschöpft als Mutter oder Vater

Eltern-Burnout ist eine anhaltende Erschöpfung in der Elternrolle, bei der Mütter oder Väter emotional auf Distanz zu ihren Kindern gehen, die Freude am Elternsein verlieren und sich selbst nicht mehr wiedererkennen. Es entsteht, wenn die Belastung durch das Elternsein die Quellen der Unterstützung zu lange übersteigt, und ist weder ein Zeichen von Schwäche noch von fehlender Liebe.

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Kinderzimmer in der Abenddämmerung: Ein Elternteil sitzt müde an das Bett gelehnt auf dem Teppich, das Bilderbuch vergessen auf dem Knie, der andere steht mit einer Tasse Tee in der Tür und schaut herüber, das jüngere Kind baut einen Turm aus Holzklötzen, das ältere liest auf dem Bett

2021 erschien eine Studie, die Eltern-Burnout in 42 Ländern gleichzeitig untersucht hat. Das Team um die Psychologinnen Isabelle Roskam und Moïra Mikolajczak von der Universität Louvain befragte 17.409 Eltern, und die Unterschiede waren enorm. In Thailand, Kuba oder der Türkei erfüllte kaum jemand die Kriterien eines Burnouts. In Belgien waren es 7,9 % der Eltern, in den USA 8,4 %, der höchste Wert der gesamten Studie.

Aufschlussreich war auch, was die Unterschiede nicht erklärte: weder die Zahl der Kinder noch ihr Alter noch die Stunden, die Eltern mit ihnen verbringen. Am stärksten wirkte die Kultur. Je individualistischer ein Land, desto mehr ausgebrannte Eltern. Die Autorinnen führen das darauf zurück, dass die Erziehung dort stärker auf den Eltern allein lastet, die Messlatte höher liegt und es weniger Unterstützung von außen gibt.

Für Deutschland lag der Anteil bei 1,5 %, für Österreich bei 1,8 % und für die Schweiz bei 4,6 %. Eine niedrige Quote heißt aber nicht, dass es niemanden trifft. Wenn du diesen Artikel geöffnet hast, weil du dich abends bei dem Gedanken ertappst „Ich kann als Mutter nicht mehr“ oder „Ich kann als Vater nicht mehr“, hilft dir keine Landesstatistik. Du willst wissen, ob das, was du spürst, normale Erschöpfung ist oder etwas, das einen Namen hat.

Vier Anzeichen, die es von Müdigkeit unterscheiden

Müde sind alle Eltern. Eltern-Burnout ist ein anderer Zustand, und die Forschung kann ihn genau beschreiben. Der Fragebogen Parental Burnout Assessment (Roskam, Brianda und Mikolajczak, 2018) erfasst ihn mit 23 Aussagen, die sich vier Bereichen zuordnen:

Gerade das letzte Anzeichen ist typisch für Eltern-Burnout. Man hat nicht die Fähigkeit verloren, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein, sondern den Zugang zu ihr. Und genau das tut am meisten weh.

Keine Depression und kein Job-Burnout

Man könnte einwenden, das sei nur ein neuer Name für eine Depression oder für den beruflichen Burnout, den man mit nach Hause bringt. Eine Studie von 2020 mit 3.482 Eltern zeigte das Gegenteil (Mikolajczak und Kollegen, Clinical Psychological Science). Die Fragen zu den drei Zuständen trennten sich in den Daten sauber voneinander, und jeder Zustand hatte eigene Folgen. Beim Job-Burnout dachten die Menschen an eine Kündigung. Beim Eltern-Burnout nahmen Vernachlässigung und Gewalt gegenüber den Kindern zu, und zwar auch dann, wenn depressive Symptome herausgerechnet wurden.

Ein Jahr zuvor hatte dasselbe Team noch etwas beschrieben: Ausgebrannte Eltern denken an Flucht, daran, einfach zu gehen und nicht zurückzukommen, und zwar deutlich häufiger als Menschen mit Job-Burnout oder Depression. Nicht, weil sie ihre Kinder nicht lieben. Aus der Elternrolle kann man nicht kündigen und keinen Urlaub nehmen, und ein Kopf, der keinen anderen Ausweg sieht, sucht irgendwann den radikalsten.

Diese Sätze stehen hier nicht, um dir Angst zu machen. Sie sind der Grund, Eltern-Burnout ernst zu nehmen, statt darauf zu warten, dass es von selbst vergeht.

Es brennen nicht die schlechten Eltern aus, sondern die, die es gut machen wollen

Die Forscherinnen aus Louvain kamen über ihre klinische Arbeit zu dem Thema. Sie trafen immer wieder Eltern, die allem Anschein nach liebevoll und engagiert waren und die die Erschöpfung zum genauen Gegenteil dessen gemacht hatte, was sie sein wollten. Burnout trifft vor allem Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst. Wem das Elternsein egal ist, der brennt nicht aus.

Schwer ist es auch für den Partner oder die Partnerin daneben. Er oder sie sieht die Gereiztheit, die Distanz, die Ausbrüche und weiß nicht, ob Kränkung oder Sorge die richtige Reaktion ist. Oft kommt dann der vernünftigste Vorschlag, der einem einfällt: „Leg dich doch mal kurz hin.“ Eine Stunde Schlaf ändert aber nichts daran, dass zu Hause alles an einer Person hängt. Keiner von euch beiden ist hier der Schuldige. Ihr steht vor demselben Problem, nur von verschiedenen Seiten.

Zwei Waagschalen

Das nützlichste Modell, das die Forschung anbietet, heißt Gleichgewicht zwischen Risiken und Ressourcen (Mikolajczak und Roskam, 2018). In der einen Waagschale liegt alles, was Stress erzeugt, in der anderen alles, was ihn abbaut. Burnout entsteht, wenn die Risikoseite zu lange schwerer wiegt. In einer Längsschnittstudie mit zwei Messzeitpunkten und 923 Eltern sagte dieses Verhältnis Burnout zuverlässig vorher.

Auf der Risikoseite nennen die Autorinnen elterlichen Perfektionismus, eine endlose Menge an Pflichten und Hausarbeit, zu wenig Unterstützung durch den anderen Elternteil und fehlende Hilfe von außen. Auf der Ressourcenseite stehen Selbstmitgefühl, Zeit für Erholung, gutes Zusammenspiel als Eltern und Unterstützung aus dem Umfeld.

Auffällig ist, wie viele Punkte auf beiden Seiten gar nicht die Kinder betreffen, sondern die Frage, wie die Arbeit zwischen den Erwachsenen verteilt ist. Ein Kind mit schwierigem Temperament legt Gewicht auf die Waage. Ein Partner, der seine Hälfte trägt, nimmt Gewicht herunter. Und wer zu Hause der Default-Elternteil ist, also die Person, bei der automatisch jedes Fieber, jedes Formular aus der Schule und jedes „Wo ist mein…?“ landet, startet schon morgens mit einer beladenen Risikoseite.

Ein großer Teil dieser Last ist unsichtbare Arbeit: an das zu denken, was gebraucht wird, bevor es gebraucht wird. Im Blick zu behalten, wer wann zur U-Untersuchung muss, wann der Beitrag für den Sportverein fällig ist und was den Kindern zu klein geworden ist. Diese Schicht nennt man Mental Load, und genau deshalb bleibt sie für den Partner oder die Partnerin oft ehrlich unsichtbar. Dort versteht man dann nicht, woher die Erschöpfung kommt, „heute war doch gar nichts Besonderes“.

Vier Fragen für heute Abend

Die folgenden Fragen sind keine Diagnose und kein offizieller Test. Sie bilden die vier Bereiche des Forschungsfragebogens ab und helfen dir zu entscheiden, ob es Zeit für ein Gespräch ist, mit deinem Partner oder deiner Partnerin oder mit einer Fachperson.

  1. Fühlst du dich schon beim Gedanken an den nächsten Tag mit den Kindern erschöpft, sogar nach einer Nacht, in der du geschlafen hast?
  2. Kümmerst du dich um die Kinder, bist aber innerlich gar nicht dabei, weil dir die Kraft für mehr fehlt?
  3. Hast du das Gefühl, vom Elternsein genug zu haben, und nichts daran freut dich noch?
  4. Denkst du, dass du so eine Mutter oder so ein Vater nie sein wolltest, und erkennst dich nicht wieder?

Wenn du die meisten davon mit Ja beantwortest und das seit Wochen und nicht seit Tagen so geht, ist das keine Laune. Es ist ein Zeichen, dass deine Risikoseite schon lange schwerer wiegt.

Was hilft: auf der einen Seite abnehmen, auf der anderen dazulegen

Aus dem Waagemodell folgt auch, was hilft. Ausschlafen oder ein heißes Bad reichen nicht. Das Verhältnis muss sich ändern: Von der Last muss wirklich etwas herunter, und auf die Seite der Unterstützung muss etwas dazukommen.

Sprecht es gemeinsam aus. „Ich glaube, ich kann nicht mehr“ oder „Ich habe das Gefühl, du kannst nicht mehr“ ist kein Vorwurf, sondern ein Anfang. Solange niemand es ausspricht, strengt sich der erschöpfte Elternteil noch mehr an, und der andere weiß nicht, was los ist.

Gebt ganze Aufgaben ab, nicht einzelne Handgriffe. „Sag mir einfach, was ich tun soll“ lässt das Nachdenken bei derselben Person. Entlastung entsteht erst, wenn der andere alle drei Phasen einer Aufgabe übernimmt: bemerken, dass sie ansteht, entscheiden, wie, und sie erledigen. Es hilft auch, sich klarzumachen, dass Aufgaben nicht gleich schwer sind. Mit einem fiebernden Kind einen Arzttermin zu organisieren wiegt anders als den Müll rauszubringen, auch wenn beides nur ein paar Minuten dauert.

Sichert ungestörte Erholung. Nicht „ruh dich aus, während ich koche“, sondern Zeit, in der der andere Elternteil alles allein übernimmt und die erschöpfte Person nicht erreichbar sein muss. Regelmäßig und im Kalender, nicht „wenn mal Zeit ist“.

Senkt die Messlatte bewusst. Perfektionismus liegt auf der Risikoseite. Einigt euch, was ein paar Wochen lang „gut genug“ sein darf: Abendessen aus der Tiefkühltruhe, ungefaltete Wäsche, ein Hobby für die Kinder statt drei.

Holt mehr Menschen dazu. Großeltern, Nachbarn, andere Eltern aus Kita oder Schule, und wenn es möglich ist, auch bezahlte Hilfe. Die individualistische Kultur aus der Studie ist genau die, in der niemand um Hilfe bittet. Unterstützung von außen ist eine echte Ressource, kein Eingeständnis des Scheiterns.

Such dir fachliche Hilfe. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten können mit Eltern-Burnout gezielt arbeiten. Als das Team aus Louvain es mit einer gezielten Intervention behandelte, gingen auch Vernachlässigung und Gewalt gegenüber den Kindern zurück, und zwar im selben Maß wie das Burnout selbst.

Wenn du Gedanken hast, einfach wegzugehen, oder dir oder den Kindern etwas anzutun, warte nicht. Das ist keine Schande, sondern ein Zeichen von Überlastung. Die TelefonSeelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In Österreich wählst du 142, in der Schweiz 143. Bei akuter Gefahr: 112.

Der Weg zurück ist kein einzelnes Wochenende

Aus einem Burnout kommt man selten mit einem einzigen Wendepunkt heraus. Meist verschiebt sich das Gewicht langsam. Eines Morgens merkst du, dass dich beim Frühstück etwas zum Lachen gebracht hat. Dass du eine Gutenachtgeschichte vorgelesen hast, ohne dabei die Liste für morgen durchzugehen. Dass du dich wieder in dem Elternteil erkennst, der du sein wolltest.

Das passiert nicht, weil die Kinder plötzlich einfacher geworden sind oder weil du dich mehr angestrengt hast. Es passiert, weil die Risikoseite nicht mehr nur deine ist. Wenn der andere Erwachsene seine Hälfte auch im Kopf trägt und nicht nur in den Händen, und wenn du dir Erholung nicht mehr erbetteln musst, bekommt das Elternsein wieder Raum für das Wesentliche: für die Kinder selbst.

Burnout ist kein Beweis, dass du eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater bist. Es ist der Beweis, dass du das zu lange allein getragen hast.